Vor exakt zehn Jahren ist Pflegedienstleiter Mike Arnold in das Experiment „Kurzzeitpflege“ am SRH Zentralklinikum gestartet. Gemeinsam mit seinem 29-köpfigen Team hat er seitdem über 4.000 Menschen betreut.
10 Jahre SRH Kurzzeitpflege: 4.093 Kurzzeitgäste, große Feier – aber auch Sorge vor dem, was kommen mag

„Menschen, ihre Geschichte und ihre Erlebnisse, haben mich schon immer fasziniert. Sie zu unterstützen, ist viel mehr als nur ein Job“, sagt Pflegedienstleiter Mike Aderhold. Vor exakt zehn Jahren ist er in das Experiment „Kurzzeitpflege“ am SRH Zentralklinikum gestartet. Gemeinsam mit seinem 29-köpfigen Team hat er seitdem über 4.000 Menschen betreut. Manche nur wenige Tage, einige mehrere Wochen – und viele immer wieder.
Als die Station 2016 gegründet wurde, gab’s Besuch von einer Landtagsabgeordneten. Reine Kurzzeitpflegeeinrichtungen? Damals eine absolute Seltenheit. Nur drei davon existierten in ganz Thüringen. Heute sind es nur wenige mehr. Wieso? „Wirtschaftlich ist es ein Wagnis, wie bei einem Hotel“, vergleicht Mike Aderhold – „nur viel viel aufwendiger.“ Mit seinem Team aus examinierten Pflegefachkräften, Pflegehilfskräften und Betreuungskräften kümmert er sich um Gäste mit den Pflegegraden eins bis fünf.
„Von der netten Seniorin, die unbedingt bei der Arbeit unterstützen möchte, bis zur aufwendigen Vollpflege ist bei uns alles dabei“, sagt der Pflegedienstleiter. „Die Mischung machts: Oftmals reißen unsere fitteren Gäste diejenigen regelrecht mit, denen es nicht so gut geht. Unsere Gäste profitieren vom Miteinander und der Gemeinschaft - wenn sie es möchten.“ Und auch all jene, die auf Gemeinschaft nicht viel Wert legen, werden rundum umsorgt – der Tagesablauf ist durchgetaktet und abwechslungsreich. „Wir essen zusammen, machen Biografiearbeit, tun etwas für die Motorik, für den Kopf, für die Seele. Wir rätseln, stimmen mal ein Lied an, kochen oder backen gemeinsam.“ Auch Physio- oder Ergotherapie kann auf Rezept des Hausarztes in der Pflegeeinrichtung durchgeführt werden. Selbstverständlich ist die Versorgung mit Verbänden, Medikamente und Körperpflege, weiß Aderhold.
Entlastung, wenn die Kraft nachlässt
Die Gründe für einen Aufenthalt in der reinen Kurzzeitpflege sind verschieden. „In erster Linie sind wir da, um pflegende Angehörige zu entlasten. Manche unserer Gäste machen jedes Jahr bei uns ‚Urlaub‘“, lächelt er. „Wer zuhause jemanden pflegt, weiß, dass die Liebe nie an ihre Grenzen kommt, die Kraft aber manchmal schon. Dann springen wir ein und schaffen eine kleine Pause für zuhause.“
Daneben sei es nach einem Krankenhausaufenthalt manchmal nötig, das Zuhause und das Umfeld auf geänderte Mobilität oder Möglichkeiten einzustellen. Hier kann die Kurzzeitpflege ins Spiel kommen. Zudem überbrückt die Kurzzeitpflege Zeiten zwischen Krankenhaus und Reha in einem professionellen Umfeld.
Die Kassen übernehmen aktuell 3.539 Euro für Pflegebedürftige zwischen Pflegegrad 2 und Pflegegrad 5 für die Pflege. Kosten der Unterkunft, für Verpflegung und Investitionen müssen Angehörige zuzahlen. Sie schlagen aktuell mit 65 Euro (inkl. Entlastungsbetrag) pro Tag zu Buche.
Gefragt, was in den zurückliegenden zehn Jahren besonders im Gedächtnis geblieben ist, sagt Mike Aderhold wie aus der Pistole geschossen: „Die Pandemie-Jahre.“ Heute wirkten sie Lichtjahre entfernt, haben aber ihn, sein Team und die Gäste an ihre Grenzen gebracht. Und etwas Positiveres? „Im Jahr 2021 sind wir in die Albert-Schweitzer-Straße 19 gezogen, in das frisch sanierte Zentrum für Altersmedizin. Hier sind wir mit unseren 18 Gästen seitdem perfekt aufgehoben“, freut er sich – und erzählt von den vielen Biografien, den Schicksalen aber auch den vielen wunderbaren Menschen, denen er in den letzten zehn Jahren begegnen durfte. Dazu zählt natürlich auch sein Team, auf das jederzeit Verlass ist. Jeder und jedem einzelnen sei er sehr dankbar für ihre Arbeit, ihre Kreativität und ihre Leidenschaft für den Beruf.
Sorge vor der Zukunft schwingt mit
Bei aller Feierlaune schwingt die Sorge mit, vor dem was kommt. „Aktuell wird das Pflegeneuordnungsgesetz im Bund beraten. Das Ziel ist klar: Geld einsparen. Das wird zu allererst die pflegenden Angehörigen treffen, dann aber auch Pflegeeinrichtungen“, führt Aderhold aus. In Rede steht etwa, die Hürden für Pflegebedürftigkeit heraufzusetzen, Zuschüsse zur Pflege zu verringern und Budgets neu zu sortieren. „Wenn heute zwei oder drei Wochen Kurzzeitpflege möglich sind, kann es gut sein, dass nach der Reform das Geld nur noch für sieben Tage reicht. Entlastet werden durch die Reform nur die Pflegekassen, nicht aber pflegende Angehörige.“ Aderhold schüttelt darüber nur den Kopf. Er hofft darauf, dass die Politik noch einlenkt und nachsteuert.
Auch, wenn die Zukunft dem Pflegedienstleiter sorgen bereitet, wird jetzt erst einmal gefeiert. Denn zum Jubiläum stehen – wie an jedem anderen Tag – zu allererst die Gäste der Kurzzeitpflege im Mittelpunkt. Drei Tage lang soll das Fest diesmal dauern. Erst mit einer sportlichen Olympiade, dann mit einem Schlager-Stargast und schließlich mit den Kindern der Mitarbeiter-Ferienbetreuung des Klinikums.
